Alles ist bereit zu zerbrechen

Laure Chenard malt Natur menschlich und erzählt dabei von Schönheit und Verlusten

Von Uwe Salzbrenner


Kunst ist, wie sie sagt, keine bewusste Wahl, sondern etwas, was man mit Ernst betreibt, weil andere Wege nicht hinreichend waren. „Eine Not-Reaktion, um nicht an der Wirklichkeit zugrunde zu gehen. Ich male, um ehrlich zu sein.“ Sie redet nicht von Handwerk, alles steht ihr zur Verfügung. „Eine Blume kann ich besser zeichnen als einen Menschen, das gibt mir die Freiheit, eine eigene Welt zu schaffen.“ Vermutlich sind deshalb Laure Chenards Bilder so märchenbunt fröhlich und kalauernd und bissig wie Cartoons; elegant pointierte Fabeln. Buchstäblich alles wird menschlich: Ein Fisch paddelt vergnügt mit Taucherbrille und Sauerstoffgerät durchs Abfallwasser, eine Blume flieht eine Vase voll verblühender Schwestern, ein Schmetterling mit verkümmerten Flügeln pendelt stolz an einem Fallschirm hinab - hinein in eine fleischfressende Pflanze. Das sind Katastrophen, kleine Dramen des Alltags voller Situationskomik und versteckter Bedeutungen. Vergänglichkeit spielt dabei immer hinein und der Mensch oft die Rolle des arglosen Zerstörers. Eine Frau pisst wohlig hinterm Busch am Feldrand und vertreibt eine erboste Marienkäferfrau samt Kindern („Panic in the open-air“, 1984); sie hat sie beim Stricken gestört. Ein Stück Zucker schreit vor Todesangst, bevor es in den Kaffee getaucht wird. Bratwurst und Pommes verabschieden sich vor dem Mahl (nur ein blindes Kartoffelstück grinst ahnungslos glücklich) und werden auf einem anderen Bild heilig gesprochen. „Wie können Menschen leben, ohne ihr Tun zu reflektieren“, fragt die gebürtige Französin. Hoffnung lässt einen dabei leicht Gefahr übersehen, Modernität rettet keinen, Natur ist bloß Objekt unser Sehnsucht und eigentlich empfindsam. „Alles ist bereit zu zerbrechen. Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, mache Pläne.“

Die merkwürdige Heiterkeit der leuchtend klaren Farben täuscht dabei und der unverstellt direkte Zugriff von Kinderzeichnungen. Sie ist mühevoll wiedergewonnener Reichtum und spricht so vom Verlust und nimmt mehrfach biografische Züge an. „Ich kann nicht über andere sprechen“, meint Laure Chenard. Die Panzerparade zum Nationalfeiertag hinterlässt verwirrende Spuren beim jungen Mädchen; Eltern machen ihr vor Liebe einen dicken Kopf; ihre Fantasie heißt „My home“, mein Haus und Heim. Im Gelb einer Sonnenblume, geschützt von Blütenblätterherzen, ein sich liebendes Paar, „erfüllt von der Liebe“ für immer. Selbst der Krug Wasser wird nie leer. Senkrecht stehende Fische mit Kussmund hat die Künstlerin als Schmuck ihrer Wohnung gemalt, einfach nur schön, „ich pflege meine Flügel“ ihr Kommentar. Chenard lebt seit 1987 in Berlin und hat Mann und drei Kinder. Sie mag Abstand, Ruhe, Bescheidenheit und hält ihre Sicht für eine notwendig normale. Das nachtdunkle „Porträt der Künstlerin im Jahr 2000“ zeigt sie vor einem Baum, die Füße der Schuhe und Strümpfe entledigt, die Arme ausgebreitet. Eine Antenne, empfindsam, ruhig, ein bisschen nackt, ohne Sprache, ohne Bewegung, aber auch ohne Sicht, geschützt vor verwirrenden Eindrücken. Allein, still, einzigartig. „Wenn man seine eigene Spur zieht, kann man nicht überholt werden.“